Das letzte Mal haben wir uns noch mal mit der Frage nach der Definition von Kunst befasst. Zuerst aber haben wir Ursels Hinweis auf die Boogie-Woogie Bilder von Piet Mondrian verfolgt. Ursel schreibt dazu:
“Die beiden bekanntesten Boogie Woogies habe ich 1995 gesehen, da gab es im Museum of Modern Art eine Mondrian Ausstellung. Die Ausstellung war nach Phasen eingeteilt, diese letzte bis zu seinem Tod ist die Zeitspanne New York 1940 – 1944.
Er war 68 als er 1940 nach N.Y. emigrierte, wurde dort von alten und neuen Freunden unterstützt. Der Rhythmus und die Musik der Stadt beeindruckten ihn. Er wurde besonders inspiriert durch die neueste Entwicklung des Jazz und Boogie Woogie. Er hatte dann eine Ausstellung mit 15 Boogie woogies? (weiß ich nicht so genau).
Ein Höhepunkt seiner letzten Periode ist Broadway Boogie Woogie von 1942 – 43.
http://en.wikipedia.org/wiki/Broadway_Boogie-Woogie
Es folgt deutlich dem Grundriss von N.Y. Ich finde es erstaunlich, dass er im Alter von seinen schwarzen Gitterlinien abgewichen ist, sie sind jetzt gelb und mit vielen kleinen Quadraten bestückt. Trotzdem gibt es noch die bekannte Struktur. Viel Arbeit hat er hineingesteckt in sein letztes aber unvollendetes Bild Victory Boogie Woogie of 1942-44.
http://www.gemeentemuseum.nl/index.php?id=031845&langId=en
Ich habe bei youtube ein video gesehen, der Victory kommt nach Holland zurück, wird in Anwesenheit der holländischen Königin gefeiert.
http://www.youtube.com/watch?v=A-Oq0jbBS5I&feature=related
Interessant einige Videos, die „Mondrians“ in 3D auflösen und mit Musikunterstützung sehr gut akustisch und plastisch rüberkommen. Vielleicht hätte ihm das gefallen, denn das hat der Maler vermutlich in seiner geistigen Vorstellung mit Tiefen und Tönen auch so empfunden und auf die Leinwand bannen wollen.”
Aber hallo! Dieser Kommentar von Ursel löste bei unserem neuesten Teilnehmer sofort vehementen Widerspruch aus, so in dem Sinne, dass das alles keine Kunst sei, was die abstrakten Maler und Bildhauer gemacht haben, sondern nur – ich sag es mal gelinde – dummes Zeug.
Darauf sind wir zu dem Zitat von Max Ernst übergegangen: „Kunst ist nicht Sichtbares wiederzugeben, sondern Unsichtbares sichtbar zu machen.“ Und haben uns zusammen die Bilder von der Malerin Sybille Lampe
http://www.thommy-mardo.de/sybille-lampe/0497579aa6148a407/index.html
(s. auch letzter Post) angesehen, die aber auch keine rechte Gnade bei unserem neuen Teilnehmer fanden. Als Kontrast dazu hatte ich mir ein Bild von Jan van Eyck ausgesucht:
Jan Van Eyck, Madonna mit Kind und der Canonikus Georg van der Paele. c. 1435, Flemish, Northern Renaissance.
Alle hielten das Bild sofort und eindeutig für “Kunst”. Sogleich verfingen wir uns in einer Debatte über die Perspektive, da die Linien nicht ganz einheitlich fluchten. Es hat sich aber doch herausgestellt, dass sie alle bei der Madonna als Mittel- und Zielpunkt des Bildes zusammen treffen.
Auch das Gesicht des Kanonikus löste Diskussionen aus, speziell die Interpretation seines Gefühlszustandes im Angesicht des Todes. Denn er erscheint ja auf dem Bild als Stifter unterstützt von zwei Heiligen als seinen Fürsprechern vor der Muttergottes. Inwieweit sein Gesicht dabei Angst vor dem Jenseits ausdrückt, sei dahingestellt.
(Eine Einfügung: Werner hat dazu noch folgenden Kommentar geschickt:
"3. Mund, bitter, knapp
Die Lebenserfahrung der Opfer zeigt sich in ihre Bitterkeit. Auf ihren
Lippen bildet sich ein bitteres Schweigen. Ihnen wird niemand mehr
etwas vormachen. Sie wissen, wie die Dinge gehen. Wer betont
enttäuscht ist, gewinnt vielleicht sogar einen kleinen Vorsprung vor
dem Schicksal, einen Spielraum für Selbstbehauptung und Stolz. Die
Lippen, die sich vor Härte zusammengepresst und zu dünnen Strichen
verengt haben, verraten die welterfahrene Seite bei den Betrogenen.
Schon manche Kinder, denen das Leben übel mitgespielt hat, haben diese
bitter knappen Münder, denen man so schwer noch irgendeine Zustimmung
zu etwas Guten ablisten kann. Das Mißtrauen ist die Intelligenz der
Benachteiligten. Doch leicht wird der Mißtrauische abermals zum
Dummen, wenn seine Bitterkeit ihn auch an dem vorübergehen läßt, was
nach all dem Schmerzlichen gut täte. Glück wird immer aussehen wie
Betrug und wird viel zu billig scheinen, als daß es der Mühe lohnte,
nach ihm zugreifen. An vergangene Erfahrung gebunden, wissen die
zynisch bitteren Lippen nur das eine: daß letztlich doch alles
Täuschung ist und daß niemand mehr sie dahin bringen wird, weich zu
werden und, das Rote nach außen kehrend, irgendeiner Versuchung des
Weltschwindels sich hinzugeben." Zitat aus:
Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft, 1983 Seite 274-275)
Eine Differenzierung des Begriffes Kunst gelang dann an dem Vergleich dieser Muttergottes mit zwei weiteren Madonnenbildern:
Einem schwäbischen Votivbild und der Madonna von Fatima.
Hier kamen die Begriffe “Volkskunst” und “Kitsch” mit ins Spiel und da kann man dann noch endlos weiter diskutieren, wie man alles, was unter Kunst läuft, zerlegt, unterscheidet, definiert und in Schubladen steckt. Im Prinzip geht es mir aber dabei darum, mich mit dem auseinander zu setzen was Menschen machen, die Lust haben etwas auszudrücken und in Formen zu bringen sei in mit Farben oder mit anderen Materialien! Für mich erweitert sich durch das Anschauen der Kunst der Vergangenheit der Horizont in jene Zeit, aus der die Werke stammen, und bei der Gegenwartskunst werden mir Perspektiven auf mein Leben geöffnet, die ich ohne die Werke nicht finden würde.
Achtung: Das näcshte Mal treffen wir uns erst im August wieder:
10.8-2010 um 11 Uhr online.
Auch neue Teilnehmer können sich anmelden und zwar unter: http://www.senioren-lernen-online.de/joomla/index.php